Die Löffel Theorie

Ich habe davon kürzlich auf einer Facebookseite für Fibromyalgie gelesen. Christine Miserandino ist eine Autorin/Bloggerin und an Lupus erkrankt. Sie hat die Spoon Theory, auf Deutsch Löffel Theorie, ins Leben gerufen.

Sie erzählt in diesem Video davon (hier eine schriftliche Übersetzung). Kurz zusammengefasst: Sie saß mit ihrer besten Freundin in einem Diner und die fragte sie, wie es für sie ist krank zu sein. Sie wusste nicht wie sie darauf antworten sollte und sammelte ein paar Löffel ein und gab sie ihr in die Hand. Sie solle sich vorstellen, dass ein gesunder Mensch so viele Löffel zur Verfügung hat, wie er will. Sie hat jeden Tag nur eine bestimmte Anzahl an Löffeln zur Verfügung. Die Löffel stehen für Energie Dinge zu tun. Auch die simpelsten Tätigkeiten erfordern für 309031_web_R_K_B_by_Gregor Czernilofsky_pixelio.dekranke Menschen viel Kraft. Oder eben einen Löffel.

Nun hatte ihre Freundin 12 Löffel in der Hand und sie gingen einen normalen Tagesablauf durch. Allein das Aufwachen, aufstehen, ins Bad schleppen, einen Löffel. Duschen, Beine rasieren, wieder zwei Löffel.
Ich fasse es mal kurz: Die Löffel reichten hinten und vorne nicht. Sie sagte dann, dass sie aber nur diese Löffel zur Verfügung hat und was nicht geht, geht nicht. Sie müsse sich entscheiden, ob sie Essen kochen oder aufräumen will. “Dann geh ich eben aus”. Aber auch ausgehen fordert einen Löffel. Schwierig.

Kranke Menschen müssen sich ihre Löffel ganz genau einteilen. Wir haben nicht unendlich viele zur Verfügung. Wenn sie alle sind, sind sie alle. Das gilt für Lupus, aber auch eben für Fibromyalgie. Wir müssen genau überlegen für was wir unsere Löffel her geben. Ich muss zum Beispiel schauen, dass ich alles so hinbiege, dass ich größere Aktionen verteile. Wenn ich mich verabrede muss das an nem Tag sein, wenn ich einen Tag vorher und einen danach Ruhe habe. Wenn ich die Verabredung einhalten kann… ich weiss nie wie es mir an dem Tag dann geht. Planen ist daher irre schwierig und ich musste Sophia, meine beste Freundin, schon öfter versetzen. Unschön, aber sie hat meistens Verständnis. Ick hab halt nich alle Löffel inner Schublade ^^

Ich schildere mal meinen Tagesablauf wenn ich Einkaufstag habe und zähle dabei Löffel. Einfach mal um zu zeigen was ein gesunder Mensch ganz selbstverständlich macht, was mich aber viel Kraft und Energie kostet und vor allem viele Schmerzen verursacht!

Gegen 12 bis 13 Uhr aufwachen (wenn ich ausschlafen kann! Wenni ch Termine habe oder irgendwas ist, dann muss ich halt früher aufstehen!) und sich nach 8-9 Stunden unruhigem Schlaf (wenn man dann endlich geschafft hat einzuschlafen gegen 4 bis 5 Uhr morgens und eben ausschlafen KANN) fühlt, als hätte man vier Tage durch gemacht. Eine Weile brauchen um wach zu werden, weil mir morgens immer schlecht und unwohl ist. Erstmal eine Tablette nehmen. Aufstehen und den ganzen Körper schmerzen spüren, bei jedem Schritt in Richtung Bad. Das sind mindestens 2 Löffel.

Waschen, Zähneputzen (ich bin ein Abendduscher), anziehen, Schweinchen füttern, Hunde füttern. 1 Löffel.

Dann mit den Hunden raus gehen (der Hund meiner Schwester ist ja jeden Tag hier). 2 Löffel, weil ihr Hund zerrt und zieht und alles anbellt was sich bewegt und Dammy macht natürlich munter mit. Dann rüber zu meiner Tante.

Ihr Geschirr raus tragen, abwaschen, Katzenklo sauber machen, Abendessen machen und hintellen für später, ihre drei Kopfkissen aufschütteln (unschön, wenn man die Arme kaum heben kann), Katze füttern, volle Windeln wegwerfen und so kleine Extrawünsche erfüllen. 3 Löffel.

Dann mit beiden Hunden wieder nach Hause und auf meine Schwester warten. Gegessen habe ich bisher nichts und wenn ich einkaufen gehe kann ich vorher auch nicht, wegen meinem wundervollen Reizdarm. Gehe ich nicht einkaufen lege ich mich ins Bett um erstmal wieder ein paar Löffel zu sammeln und stehe gegen 17 Uhr auf um was zu essen. Wenn ich aber einkaufen gehen muss, muss ich die Zähne zusammen beißen.

Nun ist es 14:30 Uhr und ich habe schon 8 Löffel verbraucht.

Wenn meine Schwester da ist, gehe ich mit ihr rüber, lasse Sammy da und fahre zu Lidl, DM, zum Arzt, in Krankenhaus zur Schmerztherapie oder weiss der Geier was. Manchmal auch alles auf einmal und Erledigungen für meine Schwester mache ich dann auch gleich mit, bin ja eh unterwegs. Aer wir bleiben mal bei dem Beispiel mit dem Einkaufen. Lidl ist da meine Wahl. Hund wegbringen und hinfahren sind auch noch mal ein Löffel

Bei Lidl angekommen hole ich nen Wagen und latsche die Gänge entlang. Ein Löffel fürs Laufen, ein Löffel für das Beladen des Wagens (beugen, bücken und co), einen Löffel für das Schieben den vollen Wagens mit Getränken, etc. und dann gehts zur Kasse. Anstehen und aufs Band laden sind 2 Löffel, zu dem Zeitpunkt bin ich schon komplett im Eimer. Und dann will alles noch zurück in den Wagen und zum Auto und dann in den Kofferraum, wieder 2 Löffel. Aua, mein Rücken. Und meine Beine brennen auch wie Hulle. Kennt ihr das, wenn ihr mehrere Stockwerke Treppen laufen müsst? Das Gefühl in den Beinen? Es ist noch schlimmer.

Nun fahre ich nach Hause, muss raus aus dem Auto und die Parkplatschranke öffnen, wieder rein und auf den Parkplatz. Zu dem Zeitpunkt ist das 1 Löffel.

Nun wird mein Einkaufstrolli beladen und wahrscheinlich noch mindestens eine große DM Tasche. Das ganze wuchte ich jetzt noch 7 Stufen hoch zum Fahrstuhl. Sehr geil. Spürt ihr den Schmerz mit mir? ^^ 3 Löffel!

Oben wirds einfach hin gestellt, erstmal Hund holen. Also wieder rüber zu meiner Schwester. Hund geholt, wieder rüber zu mir. 1 Löffel. Inzwischen kann ich meine Beine kaum noch heben, weswegen ich ständig stolpere.

Zu Hause dann den Einkauf ausräumen. 1 Löffel. Essen machen und ins Bett legen. Ja, ich esse jetzt im Bett, ich kann nämlich nicht mehr sitzen. Ich habe nun auch Entzugserscheinungen, weil ich so geschwitzt habe, dass meine Haut Eiskalt ist (habe eh Untertemperatur) und die Pflaster deswegen nicht richtig abgeben. Also liegen heißt nicht entspannen. Erstmal heisst es jammern und wippen und keuchen und Schmerzen ohne Ende, bis mein Körper sich von den Strapazen ein bisschen beruhigt hat. Und dann darf ich noch mal aufstehen um mein Essen aus dem Ofen zu holen -.- In dem Stadium ist das 1 Löffel.

Bis 19 Uhr kann ich mich jetzt “erholen” – ca 3 Stunden – und dann gehts wieder rüber zu meiner Tante.
Geschirr wegräumen, abwaschen, Katze füttern, Medikamente stellen, Windeln wegräumen, kleine Wünsche erfüllen (Rollos runterlassen und Kekse auffüllen und sowas), Besteck und Glas für den nächsten Tag bringen (der Mittagstisch wird ihr an den Tisch gebracht aber ohne Besteck) und was nicht alles. Dann mit dem Hund gehen und wieder nach Hause. Ich rechne mal nur 3 Löffel.

Oft will Sammy dann auch noch auf die Wiese und das kann und möchte ich ihm auch nicht verwehren. 1 Löffel 

Dann füttere ich meine Schweine, Hamster und den Hund, gehe duschen 2 Löffel und lege mich ins Bett. Bin bis 4-5 Uhr morgens wach, kann nicht schlafen und dann gehts von vorne los.

Und während dem ganzen Tag habe ich nicht nur höllische Schmerzen überall, mir ist auch schlecht, ich bin so müde, dass ich im Stehen schlafen könnte, wenn ich mich bücke wird mir schwindlig, ich schwitze wie ein Dachdecker bei 40 Grad, habe tierische Kopfschmerzen und will einfach nur meine Ruhe.

So und am Ende brauchte ich 26 Löffel. Nicht 12. Obwohl ich nur 12 gehabt hätte. Dafür muss dann der nächste Tag ruhiger angegangen werden. Und wenn das nicht geht, wie diese Woche, dann muss ich da eben durch. Und wenn ich dann am Ende wie am Samstag allein im Wohnzimmer meiner Mutter liege, während in der Küche gefeiert wird und schlafe, weil meine Löffel mehr als alle sind, dann ist das so. Ich muss so oft einfach mehr Löffel aufbringen. Wo ich die her nehme fragt mich keiner. Sie müssen einfach da sein.

Und vor allen Dingen an schlechten Tagen, die bei mir leider seit einiger Zeit überwiegen, ist das eine große Herausforderung.

Aber ich sehe das POSITIV. Denn auch wenn meine Schwester zum Beispiel der Meinung ist, dass ich nicht viel bei meiner Tante mache, weiss ich, dass es anders ist, weil ich weniger Löffel habe als sie und dass ich es trotzdem schaffe. Dass ich all das schaffe und noch nicht aufgegeben habe, auch wenn das schwer ist. Dass ich stark bin und mich da durch kämpfe, auch wenn mir keiner hilft. Die Fibro hat mich stärker gemacht!
Und ich bin dankbar für die Menschen die da sind, auch wenn sie nicht hier sind, wenn ich mich allein(gelassen) fühle. Die, die mich auffangen nach so einem Horrortag und mich wieder aufmuntern und mir ein paar Löffel schenken. 🙂 So habe ich dann doch wieder ein Paar für den nächsten Tag.

Die Löffeltheorie ist eine tolle Sache. Ich werde das mal so meiner Schwester und meiner Mutter erklären (die jetzt will, dass ich auch noch den Müll meiner Tante mit zu mir rüber schleppe). Ich hoffe, dann kommt bei denen auch mal an wie es ist in meiner Situation. Ich werde immer noch für faul gehalten. Dabei sind nur meine Löffel alle…..

 

Was denkt ihr über die Löffel Theorie?

10 Kommentare bei Die Löffel Theorie

  • danifehrs  sagt:

    Das ist eine sehr schöne erklärung! so sollten es auch „doofe“ verstehen wie du dich fühlst!
    (ich wollte gerade mit ner zeitung auf meinen laptop einschlagen weil ich dachte rechts aufm monitor ist ein fliegevieh. nein, es lebt in deiner sidebar lol)

    aber ich glaube selbst ich habe keine 26 löffel in meiner schublade.
    wenn du willst bin ich gerne jeder zeit für dich da um dir ein paar neue löffel zu geben *herzchen*

    • Nina  sagt:

      Aaaawwww! herz*
      Aber das ist auch so blöd, wenn wir darüber reden was wir nicht alles machen wollen und was ich nciht alles machen will wenn wir uns sehen und am ende denk ich mir: Und wenn ich ne schlechte Phase habe…?
      Wenn ich da an den Zoobesuch denke mit Marcel. Gott, ich hätte schreien können. Da war nach dem Hinweg schon die Hälfte meiner Löffel verbraucht. -.- Aber du bist ja zum Glück eine von der verständnisvollen Sorte herz* *knutsch*

  • Stephanie Reichert  sagt:

    Das ist wirklich sehr anschaulich erklärt, ich denke so kann man es etwas besser nachvollziehen, verstehen. Wobei es wohl auch hauptsächlich die Menschen verstehen die sowiso Verständnis haben. Wer das nicht glauben will wird weiter Faulheit etc unterstellen.

    Glaub mir, wenn ich könnte würde ich dir auch ein paar meiner Löffel geben!

    • Nina  sagt:

      Wie süß herz* Danke!

      Ja da hast du absolut recht. Man muss da auch jemanden gegenüber haben, den das interessiert wie es einem geht. -.-

  • Uli  sagt:

    Das ist wirklich sehr anschaulich beschrieben.
    Aber ganz ehrlich, wenn ich den ganzen Tag nichts essen würde und so einen verkorksten Tages-Schlaf-Rythmus hätte, wäre ich auch total schlapp und mir wäre schlecht. Also ich hab oft Probleme mit Magen-Darm, aber wenn ich nichts esse, versagen meine Kräfte total und mir wird übel vor Hunger. Geht es bei dir denn gar nicht mit „normalen“ Essens- und Schlafzeiten?

    • Nina  sagt:

      Es ist ja nicht so, dass ich nicht früher schlafen gehen WILL. Ich KANN nicht schlafen. Schmerzen, restless legs, restless hands, innere unruhe…. lassen mich nicht bevor ich nicht vor Erschöpfung umkippe, quasi.
      Und ob ich 6 oder 10 Stunden schlafe, ich bin immer müde und schlapp. Das ist aber auch ein Teil der Fibro. Und der Körper ist auch einfach schneller geschafft.
      Und zum Essen… Ich kann nicht essen wenn ich raus muss. Ich stand schon oft genug irgendwo und musste plötzlich auf die Toilette. Der Horror. Wenn ich vorher nichts esse minimiere ich das Risiko. Und wenni ch zu Hause bin vergesse ich oft auch einfach zu essen. Meine Schwester sagt immer das geht nicht, aber das geht sehr wohl.

  • Vivian  sagt:

    Wunderbar erklärt. Teile mir meine Löffel auch immer sorgfältig ein!

  • Lynnr  sagt:

    Das hast Du super veranschaulicht!
    In meinem Umfeld scheint auch keiner so richtig eine Vorstellung davon zu haben, wie ich mit der Fibro und zusätzlich (seit letztem Sommer diagnostiziert) einer seltenen, schweren neurologischen Erkrankung, durch die ich im Herbst fast erblindet bin und auch unter Schmerzen leide und diversen anderen Symptomen… , lebe.
    Die Löffeltheorie werde ich da doch bei Gelegenheit mal anbringen. Ich will nicht bemitleidet werden von meinen Mitmenschen (damit könnte ich gar nicht umgehen) !! Aber Verständnis und keine abwertenden Kommentare, wie zB ala „viele Menschen schlafen schlecht“ oder „ist bestimmt wie normaler Muskelkater“, wären echt eine Erleichterung! 🙁

    Ich danke Dir sehr!! 🙂

  • Julia  sagt:

    Hallo!
    Ich hab von der Löffel-Theorie über eine Autismus Gruppe erfahren das ist da auch ganz gut anzuwenden ^^
    Was mich interessieren würde ist: Was genau passiert, wenn die Löffel ausgehen?
    Bei mir ist es so, dass ich unglaublich müde werde und mit niemandem mehr rede, ich krieg auch Kopfweh, höre Musik und schaue nur noch nach unten 😀
    Was passiert bei Lupus?

  • Rolues  sagt:

    Ich hab keine Fibro, aber auch Nerfenschmerzen, usw.

    In den Niederlanden wird diese Theory, viel praktiziert. In de Rehazentren.

    Aber auch auf unserer Seite für nicht angeborene Hirnschäden und deren Folgen.

    Sie ist geeignet für chronisch Kranke. Aber auch als Prophylaxe für alle Altersgruppen.

    Gute Übersetzung!
    Danke

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